Katechetisches Institut Aachen
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Buchtitel Kinder und die großen Fragen (groß)
 
 
 
 
 
 
Buchtitel Kinder fragen nach Leid und Gott
 
 
 
 
 
 
Buchtitel Die Seele ist eine Sonne
 
 
 

 

 

 

 

 

Rainer Oberthür

Kinder und die großen Fragen

Kinder fragen nach Leid und Gott

Die Seele ist eine Sonne

Rezension: Das besondere Buch

Bernhard Dressler bespricht in der Zeitschrift für Pädagogik und Theologie, Heft 3 / 2000, alle drei Bücher im Zusammenhang:

(unter Mitarbeit von Alois Mayer), Kinder und die großen Fragen. Ein Praxisbuch für den Religionsunterricht. Kösel-Verlag. München 1995. 175 S.

Kinder fragen nach Leid und Gott. Lernen mit der Bibel im Religionsunterricht. Kösel-Verlag, München 1998, 214 S.

Die Seele ist eine Sonne. Was Kinder über Gott und die Welt wissen. Kösel-Verlag, München 2000. 168 S.

 

Religionsdidaktische Überlegungen mit Blick auf Kinder stoßen heute auf eine merkwürdige Paradoxie: Da wachsen zum Einen die Anzeichen für ein "Verschwinden der Kindheit", nicht lange nachdem sie als relativ späte kulturhistorische "Erfindung" (Ph. Aries) erkannt wurde. Und zum Anderen beginnt man erst seit kurzem didaktisch zu bedenken, was es heißt, Kinder mit ihren eigenen religiösen Fragen und Vorstellungen ernst zu nehmen, sie also nicht als kleine (Noch-nicht-)Erwachsene zu sehen, ihre Glaubensvorstellungen nicht für theologisch defizitär und daher korrekturbedürftig zu erachten. So gesehen kommen die hier zu besprechenden Bücher hoffentlich noch rechtzeitig, bevor den Kindern, für deren sensible Wahrnehmung und Respektierung sie überzeugend, sachkundig und vor allem liebevoll werben, tatsächlich die Kindheit abgesprochen wird oder verloren geht.

 

In der Religionspädagogik sind im vergangenen Jahrzehnt didaktische Fragen nach meinem Eindruck zu sehr in den Hintergrund gerückt. Diese eigentliche Mitte der Religionspädagogik drohte aus dem Blick zu geraten, drohte zerrieben zu werden zwischen immer größerem, medial perfektioniertem methodischem Aufwand in der Praxis und der Konzentration der theoretisch-konzeptionellen Aufmerksamkeit auf die Kontroversen über die rechtliche und organisatorische Gestalt des Religionsunterrichts (ohne dass sich dabei viel in Richtung auf die mehrheitlich angestrebte interkonfessionelle Öffnung bewegt hätte). Zumindest unterschwellig haben sich freilich trotzdem einige didaktische Grundsätze als Konsens herausgebildet:

  • Die eigenartigen Lesarten, mit denen sich Kinder die biblische Tradition produktiv er- schließen, sind nicht nur in Kauf zu nehmen, sondern als angemessene Aneignungen dieser Tradition zu fördern und sehr behutsam weiterzuentwickeln.
  • Die Erschließung von Religion durch entdeckendes Lernen verträgt sich schlecht mit dem Gestus des Belehrens, noch schlechter mit dem Gestus des Moralisierens.
  • Biblische Geschichten sind nicht auf ihre lehrmäßig zu formulierenden Gehalte zu befragen (und zu verkürzen), sondern als eine eigene Erzählwelt zu öffnen, deren Symbole und Metaphern nicht nach dem Maß ihrer Übersetzbarkeit in "eigentliche" Sprache didaktisch zu bewerten sind. Erzählungen im weitesten Sinne des Wortes gewinnen gegenüber der "Lehre" eine neue, didaktisch und theologisch begründete Dignität.
  • Der christliche Glaube ist als Religion nicht nur "mitzuteilen", sondern immer zugleich auch "darzustellen", also in seiner spezifischen Gestalt zu vermitteln, deren Aneignung mit einer religiösen "Sprachlehre" einhergeht, die die ganze Fülle von Sprache und Bildern, Gesten und Räumen umgreift.

Zusammenfassend könnte man sagen, dass sich die Konturen einer induktiven Didaktik abzeichnen, mit der die christliche Religion erschlossen wird, ohne dass über Religion be- lehrt wird. Hierfür nun legen die Bücher des katholischen Aachener Religionspädagogen Rainer Oberthür ein nachdrückliches Zeugnis ab.

 

 
 
 
Buchtitel Kinder und die großen Fragen (groß)
 
 
 

Der bereits 1995 erschienene Band "Kinder und die großen Fragen" ist, wie auch der nach gleichem Muster gestaltete Folgeband von 1998 über die Fragen nach "Leid und Gott" aus der Praxis an der Grundschule entstanden. Diesen Praxishintergrund sieht man den Büchern an. Sie sind, nach eigener Einschätzung, für den Unterricht vom 2. bis zum 6. Schuljahr in Gebrauch zu nehmen. Dabei wird hier nicht nur Praxis dokumentiert, die man womöglich nur nachzumachen hätte. Es geht nicht um rasch - "von der Hand in den Mund" -umsetzbare Unterrichtsrezepte. Vielmehr werden praktisch erprobte Anregungen für den Unterricht mit didaktischen Reflexionen verschränkt. In der Vermittlung von didaktisch-konzeptionellen Fragen mit praktischen Anleitungen wird unmittelbar zusammengefügt, was sonst in der Regel auf unterschiedlichen literarischen Ebenen abgehandelt wird. Zwar sind die Bände auch wie herkömmliche Schulbücher unmittelbar praxisanregend und praxisanleitend zu gebrauchen. Ihr besonderer Wert besteht aber darin, dass sie intensiver und expliziter als herkömmliche Schulbücher die Unterrichtenden selbst in einen Reflexions- und Lernprozess hineinziehen: So werden im Band .Kinder und die großen Fragen" zu den zehn thematischen Kapiteln (z. B. "Ich bin und weiß nicht wer... ", "Alles hat seine Zeit", "Wo kommen wir hin, wenn wir tot sind?", "Dem Traum Jesu auf die Spur kommen -Reich Gottes für Kinder") didaktisch-methodische Praxisfelder quergelegt (z. B. "Umgang mit Bildern", "... mit Bibelworten", "... mit Symbolen", "Freie Arbeit und Religionsunterricht", "Verstehen metaphorischer Sprache"). Acht große Fragekomplexe verschränken sich wiederum mit den Kapitelthemen - Fragekomplexe, in denen sich konkrete Erfahrungen mit Kinderfragen spiegeln und die ,erkenntnisleitende' Funktion für die Formulierung und Ausgestaltung der Unterrichtsthemen übernehmen: "Fragen nach der (eigenen) Identität", "Geheimnisse des Unendlichen/Unvorstellbaren (Welt, Natur, Universum, Raum, Zeit)", "Probleme des Zusammenlebens (Geschwister, MitschülerInnen, Jungen und Mädchen, Eltern, Lehrkraft)", "Zukunftsängste, Kriege, Umweltkatastrophe ", "Trauer, Krankheit, Leiden, Sterben und Tod", "Leben nach dem Tod", "Die Entstehung von Sprache", "Die Existenz und die Wirklichkeit Gottes": Die Mischung aus Unterrichtsdokumentationen, Unterrichtsimpulsen und religionspädagogischer Reflexion ist übersichtlich strukturiert. Diese Struktur, die als thematisches Raster präzise durchsichtig gemacht wird, ermöglicht einen Unterricht, über den die Lehrkräfte jeweils theologisch, pädagogisch und didaktisch auskunfts- und rechenschaftsfähig sind. Vor allem aber: Der hier angeregte Unterricht setzt nicht an Lernstoffen an und lässt sich folglich auch nicht auf einen stofflich-materialen Kanon verpflichten, sondern geht in der Tat von den Fragen der Kinder aus.

 

Den Kindern gilt, das sei ausdrücklich vermerkt, ein wohltuend differenzierter Blick nicht nur hinsichtlich ihrer religiösen Fragen. Gegenwärtig stößt man ja mehr als nur gelegentlich auf eine Art lamentuöser ,Kindheitsdiskurse', in denen die kindlichen Lebenswelten für die Interessen und (z. B. kulturpessimistischen) Weltsichten von Erwachsenen geradezu instrumentalisiert werden. Gerade aber die emotional-appellative Wirkung, die sich über das 'Kindchen-Schema' vermittelt und mit pädagogischer und politischer correctness auflädt, nimmt sich Oberthür nicht zu Hilfe. So bleiben unter der Überschrift "Mit Kindern heute leben" (S. 18) die Ambivalenzen realistisch im Blick und werden weder durch die Denunziation der Erwachsenenwelt noch durch die Verklärung von Kindheit überspielt.

 

Insgesamt wird der Religionsunterricht in die Perspektive einer religiösen Sprachlehre gestellt, mit besonderem Gewicht auf der (in Anlehnung an Franz W. Niehl) dem "Prinzip des umkreisenden Verstehens" verpflichteten Erschließung von "Möglichkeiten und Grenzen der Sprache von Bild, Symbol und Metapher" (S. 21). Semiotisch formuliert könnte man sagen: Die Kinder werden zur kreativen Produktion ihrer je eigenen Lesarten angeregt, ohne dass darüber die religiöse Widerständigkeit der Themen verloren geht. Oberthür traut dabei den Kindern zu Recht viel zu, mehr jedenfalls, als sie im Lichte einer schematisch verstandenen strukturgenetisch-entwicklungspsychologischen Theorie eigentlich ,können dürften. Das gilt insbesondere für das kindliche Verständnis metaphorischer Sprache. Statt von vornherein vermeintliche kognitive Grenzen zu unterstellen, wird ein "Mittelweg" gesucht, um "wörtliches Verstehen gelten (zu) lassen", die Kinder aber "auch zu metaphorischem Ausdruck herauszufordern". Den Unterrichtenden werden Wege gezeigt, wie kindliche "Ansätze der ,Zweiten Naivität' in der ,Ersten Naivität' zu entdecken" sind (S. 156). Hierzu dient ein eigenes Kapitel "Bilder, Texte und Musik wahrnehmen und gestalten. Für ein metaphorisches Verstehen und offenes religiöses Lernen mit Kindern" (S. 137ff.). In diesem Kapitel werden die didaktischen Einsichten des Bandes abschließend gebündelt und Lernwege zwischen Rezeption und Produktivität, zwischen "Wahrnehmen und bedenken" und "Gestalten und zum Ausdruck bringen" eröffnet.

 

 

 
 
 
Buchtitel Kinder fragen nach Leid und Gott
 
 
 

Der zweite hier zu besprechende Band über die Frage nach "Leid und Gott", ansonsten in gleicher Aufmachung und gleichem Muster wie der erste gestaltet, systematisiert thematische und didaktisch-reflexive Aspekte nach meinem Eindruck sogar noch deutlicher. Auch hier stehen die Fragen von Kindern am Ausgangspunkt jeder Überlegung - und zwar mit dem ausdrücklichen Eingeständnis, dass auch nicht nur der Anschein geweckt werden dürfe, diese Fragen seien abschließend zu beantworten. Neun Lernperspektiven werden im ersten Kapitel (S. 22 ff.) dargestellt, bevor das Theodizee-Thema in seinen unterschiedlichen Aspekten wiederum induktiv entfaltet wird: "Lernen in und im Fragen", "Lernen durch Vergegenwärtigen", "... durch elementare Zugänge", "... als Dialog", "... in Metaphern und Symbolen", "... als ästhetische Bildung", "... im ethischen Urteilen und Handeln", "... als Subjekt", "... im theologischen Horizont". Auch wer sich das didaktische Konzept des ersten Bandes bereits erarbeitet hat, wird dieses Kapitel mit Gewinn lesen, weil bei aller Redundanz nicht nur die einzelnen Lernperspektiven neu ausgeleuchtet werden, sondern zugleich ein instruktiver Überblick über wichtige neuere didaktische Literatur geboten wird. Das Spannungsgefüge zwischen "Vermittlung und Aneignung", der "Wechsel von einer Lehrperspektive hin zu einer Lernperspektive", wird mit v. Hentigs Unterscheidung zwischen Didaktik und Mathetik analogisiert (S. 20). Das eigentliche Thema wird dann in drei große Schwerpunkte gegliedert: "Warum gibt es Krieg?" - Eigene und unterrichtliche Begegnungen zur Geschichte von Kain und Abel", "Gott, wie kannst du das zulassen ?" - Mit Kindern die Theodizeefrage und das Buch Hiob vergegenwärtigen und bedenken", "Hört mir zu, ihr Menschen!' -Zugänge zu den Propheten über Worte und Bilder".

 

Nun gehört die Theodizee-Frage gewiss zu den schwierigsten Themen des Religionsunterrichts, zumal in der Grundschule. Wie kann man sich diesem Thema nähern, ohne es zu verharmlosen, aber auch ohne die Kinder zu überfordern? Katholische Unterrichtsentwürfe haben das Theodizee-Problem oft in einen Zusammenhang mit der menschlichen Freiheit gerückt, die für das Leid und das Übel in der Welt verantwortlich gemacht wird. Damit aber bleibt die Frage etwa nach dem durch Naturkatastrophen verursachten Leid unbeantwortet und umso bedrängender. Evangelische Unterrichtsentwürfe legten dagegen das Schwergewicht häufig auf die Solidarität mit den Leidenden und blenden durch die Beschränkung auf moralische Fragen die Frage nach Gott aus. Die moralisch begründete Suche nach den Ursachen des Leids, um es nämlich abzuschaffen, ist aber nur im Bedenken auf die Grenzen der menschlichen Handlungsmöglichkeiten sinnvoll. Diese falsche Alternative vermeidet Oberthür durch die Konzentration auf das, was er "bibeldidaktische Konzeption" nennt (S.12). Die Frage nach Gott wird mit den Kindern "in aller Schärfe" gestellt. Zugleich wird das Thema "weder durch eine Verniedlichung noch durch eine vermeintliche ,Lösung' des Problems" verharmlost (S. 11). Eindrucksvoll sind die dokumentierten Äußerungen von Kindern: Wie wenig Kinder innerhalb angemessener Lernkontexte auf die ihnen oft zugeschriebenen kognitiven Verstehensgrenzen fixiert bleiben, Ambivalenzen und Paradoxien auszudrücken in der Lage sind, den "Tun-Ergehens- Zusammenhang" bzw. das "Lohn-Strafe"-Denken überwinden können.

 

Für beide Bände gilt, dass Oberthür durchaus nicht angestrengt um konzeptionelle und gestalterische Originalität bemüht ist. Die überzeugende Wirkung - bei allem, was bei dieser Detailfülle im Einzelnen kritisch anmerkbar wäre - hat vielmehr damit zu tun, dass er unterschiedliche Anregungen im besten Sinne synthetisiert, im Durchgang durch die praktische Erprobung konkretisiert und in ihrem jeweiligen Anregungspotential voll ausschöpft. Es wird auch gar nicht verschwiegen, dass Oberthür z.B. - um nur einen Namen herauszugreifen - der Bibeldidaktik Ingo Baldermanns einiges verdankt. Das gilt in gewissem Maße auch für die Symboldidaktik Hubertus Halbfas', freilich ohne dessen eher allgemein- religiöse "Katholizität" zu teilen. Die biblische Tradition hat bei Oberthür doch entschieden gewichtigeres Profil. Und zu allen Sinnen, denen sie sich darbietet, gehört ein ,drittes Auge' nicht unbedingt.

 

 

 
 
 
Buchtitel Die Seele ist eine Sonne
 
 
 

Abschließend nur ein kurzer Hinweis auf den zuletzt erschienenen Band "Die Seele ist eine Sonne". Im Untertitel heißt es: "Was Kinder über Gott und die Welt wissen" und nicht: "... wissen sollen". Dieses Buch unterscheidet sich wohl in der Gestaltung, nicht aber in der religionspädagogischen Grundlegung von den beiden ausführlicher besprochenen Bänden. Es handelt sich um eine Sammlung von Texten, Bildern und Liedern für Kinder und von Kin- dern im Alter von ca. 7 bis 11 Jahren. An den Gebrauch im Religionsunterricht ist ebenso zu denken wie an die kirchliche Gemeindearbeit mit Kindern. Ich würde mir das Buch gern aber auch in der Hand von Eltern vorstellen. die beim Vorlesen und beim Gespräch mit ihren Kindern über Glaubensfragen eine gehaltvolle und nicht zuletzt auch (angesichts nicht wenigen religiösen Kitsches auf dem entsprechenden Marktsegment) geschmackvolle Hilfe benötigen.

 

Last but not least: Es ist angesichts mancher Eintrübungen der ökumenischen Großwetterlage kein schlechtes Zeichen für die Chancen einer konfessionsübergreifenden Didaktik, wenn sich religionspädagogische Bücher eines katholischen Autors so nachdrücklich auch für den evangelischen Gebrauch empfehlen zu lassen.

 

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